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Portrait von Martin Duerr.

Travels in medicine
Eine urbane Idylle.

Raum zum Menschsein

Es war keine Offenbarung, die Martin Dürr den Weg zum Industriepfarrer einschlagen liess, eher ein langwieriger Prozess, bei dem er etwas Neues ausprobierte und wieder verwarf. Es waren das dialogische Trial-and-Error-Prinzip und seine Liebe für das Gespräch, die ihn in seinem beruflichen und persönlichen Werdegang leiteten.

Text von Ann Weber, Fotos von Kostas Maros.

Ein Ereignis erschüttert den damals frisch diplomierten Theologen Martin Dürr bis ins Mark: Als Seelsorger im Paraplegikerzentrum sammelt er erste Erfahrungen im Feld und freut sich über all die neuen Begegnungen. Gut gelaunt stellt er sich den Menschen vor, bis er ein Zimmer betritt, in dem ihn das gute Gefühl verlässt.

Im Patientenbett liegt ein Mann, der am exakt selben Tag geboren ist wie er, am 3. September 1959. Der Mann ist wie Dürr 26 Jahre jung. Doch er liegt ohne Selbstverschulden verletzt im Bett und hat starke Schmerzen, während Dürr unbeschwert seinem Beruf nachgehen kann. In diesem Moment wird Dürr bewusst, dass er selbst dort liegen könnte und dass schöne und schreckliche Momente manchmal näher beieinander liegen, als er bisher dachte.

Diese und eine Vielzahl weiterer Erfahrungen haben Martin Dürr nach einer langen Berufslaufbahn zum Amt des Industriepfarrers geführt, eines Berufs notabene, den es so weltweit nur einmal gibt und in dem er in Basel jahrelang tätig war. Dürr schätzt seinen besonderen Weg zu diesem Amt: «Vieles in meinem Leben ist auf schöne Weise organisch gewachsen und entstanden.» Und das brauchte seine Zeit.

Keine religiösen Wurzeln 

Dürr wuchs Anfang der 1960er-Jahre in Riehen in einer Kaufmannsfamilie auf. Abgesehen von Kirchenmitgliedschaft, Sonntagsschule und dem Beten vor dem Essen fällt Dürr wenig Religiöses zu seiner Erziehung ein: «Meine Familie hatte nie einen grossen Bezug zur Kirche.»

Martin Duerr als Kleinkind.

Martin Duerr als Kleinkind beim Spielen mit einem Spielzeugauto – Schwarz-Weiß-Foto.“

Dürr erinnert sich an ein behütetes Aufwachsen mit seinem Bruder. Die Mutter spielt in der Erziehung der zwei Kinder die Hauptrolle, ist immer da und sorgt sich um ihr Wohlergehen. Der Vater hingegen ist mit seinen Gedanken oft bei der Arbeit, beruflich viel unterwegs und sein Lebensmittelpunkt scheint seine Stelle bei Ciba-Geigy zu sein. Nach der Arbeit braucht er viel Ruhe, deshalb sind Dürrs Freunde zu Hause meist nicht erwünscht. Oft arbeitet der Vater bis spät in die Nacht. Sein Arbeitsstress führt auch immer wieder zu verbalen Explosionen.

1971 findet zum ersten und letzten Mal ein Familienrat statt: Die zwei Buben werden an den Tisch gerufen, um ihnen eine Hiobsbotschaft zu verkünden: Der Vater wird nach England versetzt, und das, als Dürr erst 13 Jahre alt ist. Die Frage, ob die Kinder mitgehen sollen, stellt sich eher halbherzig, denn die Mutter will in Riehen bleiben und der Vater das neue berufliche Abenteuer lieber für sich erleben, wie es Martin Dürr rückblickend scheint.

Eine schwierige Zeit für den jungen Martin. Mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder lebt er fortan ohne Vater in Riehen. Die nur alle paar Monate stattfindenden Besuche machen ihm zu schaffen, er meidet den Kontakt zu seinem Vater. Dementsprechend fühlt sich Dürr in seiner Jugend immer wieder alleine: «In meinen Teenagerjahren bin ich de facto vaterlos aufgewachsen», sagt er heute.

Offenes Haus

In dieser Zeit bekommt Dürr Einblick in einen vollkommen anderen Haushalt. Denn sein enger Schulfreund Niklaus hat ein ganz anderes Verhältnis zu seiner Familie: Niklaus’ Vater Theophil ist von Beruf Gemeindepfarrer und ein offenherziger Mensch. Immer wieder besuchen ihn Menschen, um mit ihm zu reden, und er nimmt sich viel Zeit für seine sechsköpfige Familie. Ein Gegenentwurf zu dem, was Dürr in seinem eigenen Verhältnis zum Vater erlebt hat.

«Bei meinem Freund war es ganz selbstverständlich, dass andere am Familienleben teilhaben durften. Ich habe mich immer willkommen gefühlt»

Martin Duerr

Duerr sitzt in einer schwach beleuchteten Kirche, während Sonnenlicht durch ein Fenster fällt.

«Bei meinem Freund war es ganz selbstverständlich, dass andere am Familienleben teilhaben durften. Ich habe mich immer willkommen gefühlt», erinnert sich Martin Dürr. Dass er bei ihnen ein und aus gehen darf, beim gemeinsamen Familienessen Witze gerissen werden und der Vater immer für Fragen da ist, fasziniert Dürr und lässt ihn in eine ganz andere Welt eintauchen. Dieses warme Zuhause, in dem man gesehen, gehört und angenommen wird, soll ihm später den Weg zur Seelsorge weisen.

Kinderglauben

Nach der Matura entscheidet sich Dürr, Geschichte und Englisch zu studieren, mit dem Ziel, Lehrer zu werden. Seine soziale Ader würde sich in diesem Beruf entfalten können, seine Freude am Unterrichten ebenso. In keiner Weise denkt Dürr zu dieser Zeit daran, eines Tages Pfarrer zu werden. Er hat zwar offene Fragen, was Religion angeht, und will seinen «Kinderglauben» überprüfen, hat aber nie das Gefühl, dass seine Überzeugungen diesem Weg standhalten würden.

Doch nach drei Semestern an der Universität merkt Dürr, dass ihm die Motivation für das Studium fehlt. Er geht in sich und überlegt, was ihn mehr inspirieren könnte. Gedanken zu Glaubensfragen prägen diese Zeit, und er fühlt sich zum ersten Mal zur Theologie hingezogen. Er denkt an die Wärme, das Gemeinschaftsgefühl und das Gehörtwerden im Haus von Niklaus und überlegt sich, wie Theophil den Beruf des Pfarrers zu ergreifen. Er möchte für andere ein warmes Zuhause schaffen, in dem man gesehen, gehört und angenommen wird. Also beginnt er, Theologie zu studieren.

Neben einem Mörder Platz nehmen

Während Dürr von vielen Seiten ermutigt wird, das Theologiestudium aufzunehmen, warnen ihn manche vor dem vermeintlichen Glaubensverlust, den er durch das Studium befürchten müsse. Bei Dürr bewirkt das Studium jedoch genau das Gegenteil: Er kann unbeantworteten Fragen nachgehen, sich Wissen über Religion und Glaubenssysteme aneignen und seine stereotypen Vorstellungen vom Pfarrberuf ablegen.

Er fühlt sich durch das Studium in seinem Glauben bestärkt und kann sein Grundvertrauen, «jemand» sei da, durch das Studium begründen. Mit Mitte zwanzig schliesst Martin Dürr schliesslich sein Studium ab. Schon während der Ausbildung darf er vereinzelt Trauungen und Abdankungen leiten. Nach dem Studium arbeitet er als Seelsorger im Paraplegikerzentrum, im Wohnheim Werkstätte Basel und in den beiden Basler Untersuchungsgefängnissen Lohnhof und Schällemätteli.

Im Alter von nur 26 Jahren ist das ein grosser Schritt, aber es gefällt ihm, mit Menschen zu reden und sie zu begleiten. Anfangs fällt es Dürr schwer, abends die schweren Schicksale der Patienten zu verarbeiten. Immer wieder denkt er an das, was er tagsüber erlebt hat, und muss lernen, damit umzugehen. Situationen, wie mit einem Doppelmörder Seite an Seite auf dem Gefängnisbett zu sitzen, gehören in dieser Zeit zu Dürrs Alltag. «Ich habe in extrem kurzer Zeit enorm viel für meinen Beruf lernen können», erinnert er sich, ist sich im Rückblick aber nicht sicher, ob er diesen Schritt in so jungen Jahren noch einmal wagen würde.

Fünf Jahre lang arbeitet er in den drei Einrichtungen, erlebt Höhen und Tiefen. Für Martin Dürr bleibt sein Beruf dabei immer ein grosses Privileg: «Für mich war der Pfarrberuf immer ein Segen. Ich darf für andere da sein. Das ist für mich das Allerschönste.»

Trotzdem prägen auch Schicksalsschläge und tragische Geschichten diese Zeit. Seine wichtigste Erkenntnis aus diesem Lebensabschnitt: «Ich habe damals gelernt, so offen wie möglich auf Menschen zuzugehen. Jeder bringt seinen Koffer mit, und ich habe nicht das Recht zu urteilen», sagt er im Interview. Obwohl Dürr seinen Beruf sehr schätzt, wächst in ihm der Wunsch nach Zusammenarbeit und Gemeinschaft. In den Institutionen ist er meist allein unterwegs und arbeitet nur mit wenigen Leuten zusammen. Er erinnert sich an sein ursprüngliches Ziel, Gemeindepfarrer zu werden, ein offenes Haus für andere zu schaffen und auf Menschen zu treffen. Er verlässt deshalb seine erste Berufsstation.

Martin Duerr hatte keine eigene Kirche. Doch er war überall willkommen.

Porträt von Martin Duerr im Innenhof.

Facettenreiche Begegnungen

Durch eine glücklichen Fügung wird Martin Dürr Gemeindepfarrer an der Johanneskirche, wo er 18 Jahre lang tätig sein wird. Im Gegensatz zu seiner ersten Stelle geht Dürr nun nicht mehr selbst auf die Menschen zu, sondern die Menschen kommen mit unterschiedlichen Anliegen zu ihm.

Charakteristisch für die Tätigkeit als Pfarrer ist ein gewisses Grundrauschen an Aufgaben: Konfirmationsunterricht, Gottesdienste, Taufen, Trauungen und Beerdigungen gehören von nun an zu seinem Alltag. Er unterrichtet, macht Jugend- und Familienarbeit und begegnet dabei den unterschiedlichsten Menschen aus allen Schichten und Ecken der Gesellschaft.

«Für mich war die Begegnung mit Menschen und die Frage nach dem Sinn ein ständiger Begleiter. Was können mir Religion und Spiritualität für meine Lebensfragen geben und wie können sie mir helfen, damit umzugehen? Dieses Thema stand für mich immer im Mittelpunkt», erklärt Dürr, der nebenbei als Care-Team-Experte und Berater für Mitarbeitende von Crossair und Swiss tätig ist. Er schreibt Kolumnen für Zeitungen, ist Referent an verschiedenen Institutionen, hält Radiopredigten und Live-Fernsehgottesdienste. Nach einiger Zeit sehnt sich Dürr nach einer neuen Herausforderung und mehr Zeit für eigene Herzensprojekte.

Dürr wird Industriepfarrer

Nach 18 Jahren im Gemeindepfarramt führt den mittlerweile 49-Jährigen erneut ein Zufall zu seinem nächsten und letzten Amt. An einer Tagung erfährt er, dass der damalige Industriepfarrer Martin Stingelin sein Amt niederlegen wird. Industriepfarrer zu sein, ist für Dürr ein absoluter Traumberuf, wenig findet er so anregend wie den Brückenschlag zwischen Arbeitnehmern, Arbeitgebern, Arbeitslosen und den Kirchen.

Eine solche Stelle gibt es in der Schweiz nur einmal, Martin Dürr packt seine Chance, bewirbt sich und erhält kurz darauf die Zusage. Von nun an ist es seine Aufgabe, eine Schnittstelle zwischen Religion und Wirtschaft zu schaffen. Er sucht Menschen an ihrem Arbeitsplatz und in ihrer Lebenswelt auf. Dabei treiben ihn vor allem Fragen zu Wirtschaft, Arbeit, Ethik und Religion um, er arbeitet sich in Gesprächen, beim Unterrichten von Wirtschaftsethik und in Kursen in die Thematik ein.

Sein Alltag ist vielfältig und abwechslungsreich. Im Vordergrund steht stets das Ziel, sich für ethische Werte im Wirtschaftsleben einzusetzen. «Für mich ist jeder Mensch wertvoll, egal welchen Werdegang, welche Brüche im Leben, welches Leid und welche Freude er mitbringt. Meine Aufgabe ist es nicht, zu sagen, was richtig und was falsch ist. Ich will den Menschen Raum geben, zu sich selbst zu kommen», antwortet Martin Dürr auf die Frage, welche Werte ihm in seiner Laufbahn immer wichtig gewesen seien. Ein offenes Ohr, das er selbst in seinem Leben manchmal vermisst hat, will er für andere sein, ihnen Raum bieten. «Ich gehöre zu den Glücklichen, die genau am richtigen Ort gelandet sind», fügt Dürr lächelnd hinzu.

Martin Duerr spricht mit einer Gruppe, überwiegend Frauen.
Teilnehmer eines Get-togethers bei Martin Duerr.

Martin Duerr während eines seiner jüngsten Dialog-Events in Basel.

In der von Martin Duerr geschaffenen persönlichen Atmosphäre fanden Gäste leicht Vertrauen und öffneten sich.

Schluss damit

Trotz der vielfältigen Aufgaben in seinem Amt findet Dürr Freiräume für Projekte, die ihm am Herzen liegen. Eines davon ist eine im Mai 2023 gestartete Gesprächsreihe mit Frauen. Entstanden ist dieses Projekt aus einem Gespräch mit seinen beiden Töchtern, die Dürr darauf aufmerksam machten, dass es für Frauen oft schwieriger ist als für Männer, berufliche Netzwerke aufzubauen. Dies veranlasste Dürr dazu, Veranstaltungen zu organisieren, bei denen er ausschliesslich mit Frauen spricht und ihnen die Möglichkeit zum «Networken» gibt.

Die Gesprächspartnerinnen sind sehr unterschiedlich, was sie abgesehen vom Geschlecht verbindet, ist die Tatsache, dass sie sich in der Regel in der ersten Hälfte ihrer Karriere befinden, in welcher Branche auch immer: Theater, Finanzbereich, Start-ups, IT und viele mehr. Mittlerweile haben neun dieser Gespräche stattgefunden. Weitere sollen folgen. Zwar wird das Industriepfarreramt mit der Pensionierung von Martin Dürr ab Herbst 2024 nicht mehr weitergeführt, aber er will seine Projekte am Leben erhalten, die Gesprächsreihen, das Schreiben und die Leidenschaft für Social Media.

Die neu gewonnene Freiheit will Dürr nutzen, um mehr Zeit sowohl für sein persönliches Engagement als auch für seine Familie zu haben, insbesondere seine Enkelkinder. Trotz des Kapitels, das sich für Martin Dürr schliesst, war sein Abschied kein schwermütiger oder melancholischer Anlass. Am 12. September 2024 ging Martin Dürrs Zeit als Industriepfarrer im Kreise seiner Freundinnen und Freunde im Novartis Pavillon feierlich zu Ende.

Unter dem Titel «Rayonnement de joie», Strahlen der Freude, war die Feier ein Dankeschön für all die Begegnungen und Freundschaften, die während Dürrs Zeit als Industriepfarrer entstanden sind. So endete auch sein unerwarteter und zugleich erfüllter Weg als Pfarrer so organisch, wie er einst unbeabsichtigt begann.

Heute weiss Dürr, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hat. In seinem Beruf und darüber hinaus konnte er das tun, was ihm schon immer am Herzen lag: anderen ein Zuhause geben. Ein Zuhause, in dem man radikal Mensch sein darf.