Wunsch und Wirklichkeit fallen zusammen. Das von Filarete...
Dieser Artikel wurde ursprünglich im August 2013 publiziert.
Publiziert am 01/06/2020
«Die Stadt», so schreibt der britische Kulturhistoriker Peter Watson in seinem Buch «Ideen», «ist die Wiege der Kultur, der Geburtsort fast aller Ideen, die wir so hoch schätzen.» Schulen, Bibliotheken, Rechtskodizes oder das politische Zweikammersystem wurden vor rund 5000 Jahren im sumerischen Ur entwickelt. Auch das Rad und die Schrift, so vermuten Experten, wurden in diesen Treibhäusern des Wissens erfunden, in denen sich Menschen erstmals in der Geschichte zu einer einzigartigen, von der Sippelosgelösten Gemeinschaft zusammengefunden haben, um eine neue Form des kooperativen Zusammenlebens zu erproben. Eridu, die älteste bekannte Stadt der Welt, deren Überreste auf dem Territorium des heutigen Irak liegen, galt den Sumerern als Quelle der Weisheit, an deren Spitze der Gott des Wissens stand. Kultur und Zivilisation, so argumentiert Watson, konnten erst durch die Errichtung dicht besiedelter urbaner Komplexe entstehen, die intensive Kommunikation und Zusammenarbeit forderten. Städte, im Unterschied zu Dorfgemeinschaften oder versprengten Gehöften, boten ein Umfeld, das wesentlich konkurrenzbetonter und experimentierfreudiger war als andere Siedlungsformen. In den frühen urbanen Zentren Mesopotamiens, die bereits über städtische Agglomerationen verfügten, entstand ein Spezialistentum, das zur Herausbildung neuer Berufe und Fertigkeiten führte. Eine der Wirtschaft förderliche Arbeitsteilung setzte mit der Entstehung der Städte ein: Bäcker, Metzger, Bierbrauer, Köche, Korbmacher, Ärzte, Lehrer und Priester, um nur einige der frühen städtischen Berufsentwicklungen zu erwähnen, erarbeiteten neues Wissen und eranden Techniken, die den Fortschritt in einer noch nie da gewesenen Weise beflügelten und Kultur und Zivilisation im modernen Sinn erst möglich machten.
Die Einstellung gegenüber Städten war aber bereits früh von einem moralisierenden Skeptizismus geprägt. Babylons Grösse, Schönheit und Macht weckten neben Bewunderung auch Neid, Missgunst und bitteren Hass. Noch heute gebräuchliche Begriffe und Wendungen wie «Sündenbabel» oder «babylonisches Sprachgewirr» verraten ein tief sitzendes Unbehagen gegenüber mächtigen Städten, die mit dem Ideal einer ethnisch homogenen und der Sippe verbundenen Gemeinschaft brechen und sich an die Grenzen des technisch Machbaren wagen. Stark wachsende und experimentierfreudige Metropolen sehen sich deshalb immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, mit ihren kulturellen und technischen Innovationen die Grenzen von Natur und Moral zu überschreiten. Nicht selten fällt auch der Vergleich mit dem biblischen Sodom und Gomorra, der die Stadt als Ort schrankenloser Ausschweifungen im schlechthin Bösen ansiedelt.








