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Wissenschaft
Herz-Kreislauf-Grundlagenforschung.

Gemeinsame Ziele verbinden

Durchbrüche sind in der Wissenschaft selten. Die Voraussetzungen dafür sind harte Arbeit, Zusammenarbeit und ein gemeinsames Ziel, sagt das Team um Prof. Ulf Landmesser von der Charité – Universitätsmedizin Berlin, das sich zusammengeschlossen hat, um die Praxis im Bereich der Herz-Kreislauf-Medizin durch wissenschaftliche Zusammenarbeit, auch mit Novartis, zu verändern.

Text von Goran Mijuk, Fotos und Videos von Laurids Jensen und Nicolas Heitz.

Es war ein bezeichnender Moment, als Prof. Ulf Landmesser eine seiner Doktorandinnen in den Gängen der Charité ansprach, um sich nach ihrer Forschungsarbeit zu erkundigen und ihr ans Herz zu legen, diese so bald wie möglich fertigzustellen – sie liege nicht im Zeitplan, hatte sie ihm gesagt.

Die kurze Begegnung war eine von vielen, die Landmesser am Tag unseres Besuchs im November 2024 hatte. Aber die Szene reichte, um mir vor Augen zu führen, wie sehr ihm seine Studierenden am Herzen liegen, und dass sein Hauptinteresse darin besteht, aussergewöhnliche Talente zu fördern.

«Es braucht harte Arbeit», sagte er später, «wenn du in der Medizin etwas bewegen willst. Aber auch Kommunikation und Zusammenarbeit, die in der immer komplexer werdenden Welt der Wissenschaft von heute unverzichtbar sind. Das müssen vor allem gute Studierende früh erkennen.»

Prof. Ulf Landmesser während einer seiner kurzen Pausen.

Portrait Prof. Ulf Landmesser.

Landmesser weiss, was es braucht, wenn man etwas bewegen will. Um die Versorgung von Herz-Kreislauf-Patienten zu revolutionieren, hat er denn auch ein handverlesenes Team an der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Deutschen Herzzentrum der Charité zusammengestellt.

Zusammenarbeit

Nicolle Kränkel gehört zu diesem Team. Die ausgebildete Immunologin, die Landmesser 2014 aus Zürich nach Berlin folgte, leitet das Herz-Kreislauf-Labor der Charité, wo sie Blut- und Gewebeproben von Patienten untersucht, die an verschiedenen klinischen Studien des Krankenhauses teilnehmen.

An ihrer Arbeit im Spital schätzt sie am meisten, dass sie durch ihre Forschung die Grenzen der Grundlagenforschung verschiebt: «In meinen ersten Berufsjahren in Bristol haben wir zwar mit Patientenproben gearbeitet, aber nicht in grossem Umfang, und ich hatte das Gefühl, dass etwas fehlte.»

Kränkel schätzt die Gemeinschaft der Forschenden und «eine Kultur, in der Menschen mit unterschiedlichen Fachkenntnissen eng zusammenarbeiten», was ihr die Möglichkeit gebe, verschiedene Bereiche zu erforschen und gemeinsame Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln anzugehen.

Kurz gesagt: Das Team an der Charité arbeitet an der Schnittstelle von Grundlagenforschung und klinischer Forschung. Kliniker, Forschende, Mediziner und Datenwissenschaftler bringen sich gemeinsam ein, um das Fachwissen über kardiovaskuläre Erkrankungen auszubauen.

In drei aktuellen Studien bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom haben Kränkel und ihr Team das Zellverhalten dieser und anderer Herzinfarktpatienten genau untersucht. «Zusammengenommen verdeutlichen diese Publikationen die enge Zusammenarbeit zwischen Klinik und Labor», sagt sie. Während das Klinikteam Analysen der intravaskulären Bildgebung, Blutentnahmen von Patienten und weitere klinische Untersuchungen zur besseren Charakterisierung der Patienten beisteuerte, konzentrierte sich die Laborgruppe unter anderem auf die Charakterisierung und Quantifizierung von Immunzellen.

Patientenorientierung

Diese Zusammenarbeit ist wichtig, da das Team nicht zuletzt an der Entwicklung neuer Testmechanismen arbeitet, die es eines Tages ermöglichen sollen, Herz-Kreislauf-Patienten zu diagnostizieren, bevor eine potenzielle Erkrankung ausbricht.

Prof. Ulf Landmessers Tagesablauf umfasst regelmässige Patientenbesuche.

Patient an der Berliner Charité während einer Ultraschalluntersuchung seines Herzens.

Zu diesem Zweck hat das Team im neu eingerichteten Friede Springer Cardiovascular Prevention Center an der Charité (fs-cpc.de) eine grosse Studie zur Herzgesundheit gestartet, die von der Friede-Springer-Stiftung unterstützt wird. Im Rahmen der Studie sollen bis zu 5000 Teilnehmende untersucht werden, um neue potenzielle Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erkennen, bevor Symptome auftreten.

Nikolaus Buchmann, der seine berufliche Laufbahn in der Geriatrie begann und sich heute insbesondere auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit älterer Menschen konzentriert, ist Teil dieser Studie und verantwortlich für die ambulante Versorgung und die epidemiologischen Aspekte unserer Studien.

Zusammenarbeit steht an oberster Stelle: «Eine Stärke unserer Gruppe ist, dass wir uns von Anfang an darauf konzentriert haben, das grosse Ganze zu sehen», sagt er. «Mein Interesse gilt hauptsächlich den epidemiologischen Daten, Nicolle konzentriert sich auf die Zellanalyse und meine Kollegin Anna Sannino ist auf Echokardiographie spezialisiert.»

Ohne ein tiefgreifendes molekulares Verständnis der Auslöser und Entstehungswege von Krankheiten kann die klinische Praxis nicht vorankommen. Aus diesem Grund treiben Ulf Landmesser und sein Team die Grundlagenforschung voran.

Buchmann, der vor rund sieben Jahren zum Team von Landmesser stiess, weiss, wie wichtig es ist, diese unterschiedlichen Perspektiven zu integrieren, also epidemiologische Befunde, Bildgebungsdaten und potenzielle Laborergebnisse miteinander zu verbinden.

«Wir sind Teil eines grösseren Teams mit unterschiedlichen Interessen, und ich glaube, dass diese interdisziplinäre Zusammenarbeit, bei der die Arbeit im Labor auf die Interaktion mit den Teilnehmenden trifft, genau das ist, was wir erreichen wollen», führt Buchmann aus.

Neue Wege

Seine Kollegin Anna Sannino, ausgebildete Fachärztin für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin, ist dabei, ihr Fachwissen mit künstlicher Intelligenz zu verknüpfen, um Echokardiogramme tiefgreifender zu analysieren.

«Mein Interesse insbesondere an nicht invasiven Diagnosemethoden wuchs während meiner Facharztausbildung in der Kardiologie», sagt Sannino, die seit 2023 an der Charité arbeitet. «Ich habe mich intensiv mit Herzklappenerkrankungen

beschäftigt. Derzeit liegt mein Schwerpunkt auf der Anwendung künstlicher Intelligenz zur Verbesserung der kardialen Bildgebung, vor allem der Echokardiografie, die allgemein zugänglich ist.»

Obwohl sich die Idee, mit Spezialisten für computergestützte Medizin zusammenzuarbeiten, eher zufällig ergab, spricht ihre Bereitschaft, dieses aufstrebende Gebiet der Medizin zu erschliessen, für den Zusammenhalt innerhalb der Charité.

«Bei einer Veranstaltung im vergangenen Jahr hielt ich einen Vortrag über die verschiedenen Erscheinungsformen der Mitralklappeninsuffizienz. Im Anschluss kam eine Kollegin der Charité begeistert auf mich zu und sagte: «Anna, wir müssen uns unbedingt vernetzen!», erzählt Sannino.

Anna Sannino arbeitet seit 2023 an der Charité.

Anna Sannino an der Berliner Charité.

Was die Ergebnisse anbelangt, so stehen wir noch am Anfang. «Im Bereich der Echokardiografie und der kardialen Bildgebung ist die KI noch nicht so fortschrittlich, wie wir uns erhofft hatten. Zwar ist sie für die Durchführung von gross angelegten Screenings bei bestimmten Zielgruppen vielversprechend, aber das menschliche Element bleibt unverzichtbar.»

In der Zwischenzeit werden gemeinsam mit Laborkollegen neue Wege erprobt, die zur Prävention beitragen könnten. Für eine kürzlich durchgeführte und von Kränkel veröffentlichte Studie entwickelte das Team einen Fahrradtest für Patienten mit Herzinsuffizienz.

Nicolle Kränkel leitet das Herz-Kreislauf-Labor der Charité.

Nicolle Kränkel, Leiterin des Herz-Kreislauf-Labors der Charité.

Ziel war es, Störungen immunmetabolischer Mechanismen so früh wie möglich in der Pathogenese festzustellen, um diese zu behandeln, bevor grössere Organschäden auftreten, die möglicherweise nicht mehr reversibel wären.

«In diesem Bereich gibt es noch nicht viele Erkenntnisse. Daher mussten wir einen Schritt früher ansetzen und zunächst beschreiben, welche Störungen bei bestimmten Patientenprofilen oder Risikogruppen überhaupt auftreten», so Kränkel.

Im Rahmen des Protokolls entnahm das Team vor, unmittelbar nach und nach zwei Stunden der Erholung Blutproben und untersuchte sie auf immunologische und metabolische Profile. Aussagekräftig sind die Ergebnisse bisher noch nicht, aber das Team arbeitet weiter an diesem Thema.

Gemeinsam mit Novartis

Trotz des Tempos und des Umfangs der an der Charité durchgeführten Untersuchungen ist das Team auch voll in die klinischen Studien mit Novartis eingebunden, die sich unter anderem auf die Erprobung neuer Therapien für die kalzifizierte Aortenklappenstenose (CAVS) konzentrieren.

Professor Ulf Landmesser verfolgt eine ambitionierte Vision, um die Herzmedizin voranzutreiben.

Novartis und die Charité arbeiten gemeinsam an mehreren Projekten, darunter praxisnahe Studien mit Angiografie im Katheterlabor sowie eine komplexe, aber potenziell bahnbrechende klinische Studie, die auf CAVS und Bildgebung hin angelegt ist.

Für Andres Laguna, der die Zusammenarbeit mit der Charité auf Seiten von Novartis leitet, ist die Verbindung ideal: «Die Partnerschaft funktioniert ausserordentlich gut. Ich denke, wir haben Glück, dass wir uns gefunden haben. Bei der Bandbreite an medizinischen Experten und Wissenschaftlern ist das alles andere als selbstverständlich. Ich freue mich wirklich sehr, mit ihnen allen zusammenzuarbeiten.»

Intrinsische Motivation

Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Wissenschaftsbereichen ist zwar von zentraler Bedeutung, doch auch harte Arbeit ist gefragt. «Ich denke, es kommt auf hoch motivierte Menschen an, die die Forschung wirklich lieben und sich dafür begeistern», sagt Anna Sannino. «Das sagt nicht allen zu. Dran bleibt nur, wer ausdauernd ist, sich engagiert und sich einsetzt, egal wie viele Stunden es dauert. So läuft das nun mal.»

Ein Team engagierter Forscher sucht nach neuen Hinweisen, um die Kardiologie voranzubringen.

Anna Sannino und Ulf Landmesser im Labor an der Berliner Charité.

Ulf Landmesser teilt diese Ansicht. «Ich glaube, dass wir jungen Forschenden ein hervorragendes Umfeld bieten, in dem sie sich entwickeln können. Doch echtes Interesse, Neugier und der Wunsch nach Innovation müssen von innen kommen – das kann man niemandem aufzwingen. Herausragende Forschung erfordert echtes Engagement, Abkürzungen gibt es keine.»

Entscheidend neben dem persönlichen Interesse und Engagement ist für Landmesser die zwischenmenschliche Kommunikation. Die moderne Forschung setzt in hohem Mass auf Teamarbeit, nicht allein auf individuelle Anstrengungen. Die Fähigkeit, effektiv zusammenzuarbeiten und belastbare Beziehungen aufzubauen, gewinnt an Bedeutung.

«Kommunikativ und sozial versiert zu sein, wird immer wichtiger, denn gute Forschung lebt von Teamarbeit. Sich mit anderen zu vernetzen, sich zu engagieren und am selben Strang ziehen zu können, ist zu einem unverzichtbaren Bestandteil erfolgreicher Forschung geworden», unterstreicht er.