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Wissenschaft
Herzgesundheit neu denken.
Revolution in der Herz-Kreislauf-Praxis
An der Berliner Charité, einer der weltweit produktivsten Forschungs- und Universitätskliniken, scheint das Transformieren der medizinischen Praxis die Norm zu sein. Nobelpreisträger wie Robert Koch und Paul Ehrlich legten dort den Grundstein der modernen Medizin. Auch Ulf Landmesser strebt eine solche Pionierleistung an. Ihm geht es um den klinischen Ansatz in der Kardiologie, die er mithilfe von Präzisionsmedizin transformieren will, nicht zuletzt in Zusammenarbeit mit Novartis.
Text von Goran Mijuk, Fotos und Videos von Laurids Jensen und Nicolas Heitz.
Es war bereits später Nachmittag. Der Himmel über Berlin hatte sich verdunkelt und ein frostiger Wind liess die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sinken. Ulf Landmesser, Professor an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Deutschen Herzzentrum der Charité, hatte einen weiteren langen Tag hinter sich.
Landmesser hatte bereits zwei Stents gelegt, die Arbeit an einer möglicherweise bahnbrechenden klinischen Studie fortgesetzt, sich mit Patientinnen und Patienten getroffen und die Fortschritte in seinem Forschungslabor überprüft, als ihn eine ältere Frau im Flur ansprach, die wegen des schlechten Gesundheitszustands ihres Mannes sehr aufgeregt war.
Landmesser hörte aufmerksam zu und bat sie, ihm in einen der Nebenräume zu folgen, um unter vier Augen mit ihr reden zu können. Als wir die Szene aus der Ferne betrachteten, waren wir ein weiteres Mal von dem ruhigen Auftreten eines Mannes beeindruckt, dessen tägliche Aufgabenliste das Menschenmögliche zu übersteigen scheint.
Landmesser, der neben seiner Tätigkeit als Arzt auch Eingriffe vornimmt, Forschungsarbeit leistet und an einer der weltweit führenden Universitätskliniken lehrt, merkte man seine hohe Arbeitsbelastung nicht an. Dies hat, wie wir erfuhren, grossenteils mit seiner Vision zu tun, nämlich die kardiovaskuläre Praxis von Grund auf zu verändern.
«Wenn man als klinischer Wissenschaftler arbeitet, ist das kein 40-Stunden-Job», kommentiert Landmesser bei unserem Besuch in Berlin. «Man denkt immer darüber nach, wie man Fortschritte erzielen kann – bei der Arbeit, unterwegs oder auch zu Hause. Eine solche Hingabe setzt voraus, dass man von dem, was man tut, wirklich fasziniert ist.»
Auf dem Weg zur Präzisionsmedizin
Landmesser wurde 1970 in Dresden in eine Ärztefamilie hineingeboren. Schon früh brachte ihm seine Mutter die Medizin nahe, indem sie ihn ins Universitätsklinikum mitnahm, eine Atmosphäre, in der er sich schon als Jugendlicher zu Hause fühlte.
Die Kardiologie, in der sich bereits einer seiner Verwandten einen Namen gemacht hatte, wurde auch zu seinem Fachgebiet. Nach dem Studium an der Medizinischen Hochschule Hannover arbeitete er im Rahmen eines zweijährigen Forschungsstipendiums an der Klinik für Kardiologie der Emory University in Atlanta, USA.
Nach seiner Habilitation und Tätigkeit als Oberarzt in Zürich zog Landmesser 2014 nach Berlin, wo er heute die Abteilung für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Campus Benjamin Franklin des Deutschen Herzzentrums der Charité leitet. Zudem ist er Vorstandsmitglied des Deutschen Herzzentrums der Charité.
Professor Ulf Landmesser.

«An der Kardiologie hat mich unter anderem ihre Dynamik fasziniert », führt Landmesser aus. «Man kann so viel bewirken, nicht nur mit Medikamenten, sondern auch mit Interventionen. Es ist ein innovatives Feld, und das war für mich sehr attraktiv.»
Landmesser kommt aber auch auf die Nachteile der heutigen Praxis zu sprechen: «Wir kommen oft zu spät, wir warten, bis die Betroffenen Symptome haben, und dann ist die Erkrankung bereits fortgeschritten. Ich hoffe, dass wir die Medizin stärker auf Früherkennung und Prävention ausrichten können.»
Das Potenzial der Präzisionsmedizin besteht darin, dass sich Behandlungen viel individueller und auf die spezifischen Bedürfnisse des Patienten abstimmen lassen: «Die Präzisionsmedizin ermöglicht es uns, Unterschiede – ob sie genetisch oder immunbedingt seien – zu erkennen und zielgerichtete Therapien zu entwickeln, die nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursache der Erkrankung angehen», erklärt Landmesser.
Mögliche Meilenstein-Studie
Um die medizinische Praxis zu verbessern und die Präzisionsmedizin voranzubringen, schlägt Landmesser verschiedene Wege ein. Neben dem Aufbau eines Präventionszentrums für Herz-Kreislauf-Erkrankungen an der Charité arbeitet Landmesser auch an mehreren klinischen Studien.
Zwei davon werden gemeinsam mit Novartis durchgeführt. In diesen Studien untersuchen Landmesser und sein Team ein hochinnovatives RNA-basiertes Medikament zur Behandlung von Erkrankungen, die durch erhöhte Konzentrationen von Lp(a) – ausgesprochen «Lipoprotein klein a» – verursacht werden. Dieses Lipoprotein kommt natürlicherweise im menschlichen Körper vor, kann aber bei zu hohen Werten schädlich sein.
Eine der Studien befasst sich mit der kalzifizierten Aortenklappenstenose (CAVS), bei der erhöhte Lp(a)-Konzentrationen zur Verkalkung der Aortenklappe führen. Dadurch wird der Blutfluss vom Herzen in den übrigen Körper behindert, und es kann zu Herzversagen oder plötzlichem Herztod kommen.
Andres Laguna hat in Prof. Ulf Landmesser einen grossartigen Partner gefunden. Beide sind entschlossen, medizinische Innovationen im kardiovaskulären Bereich voranzutreiben.

Derzeit werden CAVS-Patienten ausschliesslich operativ oder mit Klappenintervention behandelt. Doch mithilfe besserer Diagnosetools und mit einem tieferen Verständnis der zugrunde liegenden genetischen Erkrankungsursache kann den Patienten eine gezieltere Behandlung angeboten werden.
Andres Laguna, medizinischer Leiter der CAVS-Studie bei Novartis, ist ebenfalls ein überzeugter Befürworter der Präzisionsmedizin. Der ehemalige Assistenzprofessor für translationale Kardiologie, der zuvor an Einrichtungen wie der Harvard Medical School und dem Karolinska- Institut gearbeitet hatte, hofft sehr, dass die Studie Veränderungen in der medizinischen Praxis anzustossen vermag.
«Heute gibt es keine zugelassene medikamentöse Therapie zur Behandlung der kalzifizierten Aortenklappenstenose. Den Patientinnen und Patienten bleibt nur die Möglichkeit, das Endstadium der Erkrankung abzuwarten und sich dann einem Herzklappenersatz zu unterziehen – und die möglichen negativen Folgen in Kauf zu nehmen. Eine nichtchirurgische Behandlung für diese Patienten zu entwickeln, wäre aussergewöhnlich», so Laguna.


Prof. Ulf Landmesser während eines medizinischen Eingriffs im Katheterlabor.
Das Team von Prof. Ulf Landmesser betrachtet die Herzgesundheit ganzheitlich. Neben einer sorgfältigen Diagnostik arbeitet das Team an der Erprobung neuer Behandlungsmethoden und betreibt Grundlagenforschung.
Auch Landmesser ist zuversichtlich, was das Potenzial der Studie anbelangt: «Mit unserer klinischen Studie hoffen wir, durch Aortenklappenfehler hervorgerufene Herzerkrankungen erstmalig dadurch zu behandeln, dass wir in den pathologischen Prozess eingreifen, anstatt nur die Herzklappen zu ersetzen oder die Symptome zu kontrollieren. Das ist das Versprechen der Präzisionsmedizin, und deshalb ist diese Arbeit so spannend», ergänzt Landmesser.
Neue Technologie
Für Novartis ist die Studie ein weiterer wichtiger Meilenstein und eine Fortsetzung der langen Tradition des Unternehmens im Herz-Kreislauf-Bereich, die in den 1940er-Jahren mit der Entwicklung pflanzlicher Diuretika durch das Vorgängerunternehmen J.R. Geigy ihren Anfang nahm.
In den 1960er-Jahren entwickelten Ciba und Sandoz Calciumantagonisten und Betablocker und gehörten zu den Ersten, die an Angiotensin-Converting-Enzym-Hemmern arbeiteten, die auf das Hormonsystem des Körpers einwirken.
Später arbeitete Novartis auch an sogenannten Angiotensin-IIRezeptorblockern, die helfen, den Blutdruck zu senken. Überdies erzielte das Unternehmen einen Durchbruch bei der Behandlung von Herzinsuffizienz mit der Kombination aus einem Inhibitor und einem Rezeptorblocker.
Der jüngste Fortschritt liegt im Bereich der RNA-basierten Therapeutika, die den Vorteil haben, dass Therapien nicht mehr so häufig durchgeführt werden müssen. Die Patientinnen und Patienten sind dann nicht mehr so streng an eine tägliche Tabletteneinnahme gebunden.
Novartis lancierte vor einigen Jahren die erste RNA-basierte Therapie im Herz-Kreislauf-Bereich. Ziel der neuen RNA-basierten Therapie, die Landmesser und Laguna derzeit testen, ist nachzuweisen, dass sie das Fortschreiten von CAVS verlangsamen oder gar umkehren kann.
Die Kontrolle von Lp(a)
Ein positives Studienergebnis wäre ein bedeutsamer Gewinn für die Patienten und die Gesundheitsfürsorge, da ein erhöhter Lp(a)-Spiegel sowohl der häufigste Risikofaktor für monogene kardiovaskuläre Erkrankungen als auch einer der grössten genetischen Risikofaktoren in diesem Bereich ist.
Andres Laguna arbeitet unermüdlich an präziseren Behandlungsmethoden in der Kardiologie.
Erhöhte Lp(a)-Konzentrationen sind genetisch bedingt. Ein Bluttest vermag aufzuzeigen, ob eine Person eine hohe Konzentration von Lp(a) aufweist und somit ein Risiko für die Entwicklung einer kardiovaskulären Erkrankung besteht. Schätzungen zufolge ist etwa jeder fünfte Mensch weltweit von einem erhöhten Lp(a)-Wert betroffen, was einer Zahl von rund 1,5 Milliarden Menschen entspricht.
«Höhere Lp(a)-Spiegel prädisponieren Patienten für multiple kardiovaskuläre Erkrankungen wie Myokardinfarkt, Schlaganfall oder kalzifizierte Aortenklappenstenose.
Für die Zukunft der kardiovaskulären Versorgung ist es wichtig, dieses Problem anzugehen», unterstreicht Laguna. Branchenübergreifende Zusammenarbeit Angesichts dieser Situation besteht absoluter Innovationsbedarf. Dies bedeutet nicht nur, dass Forschende an neuen Wirkstoffen arbeiten müssen, sondern auch, dass die medizinische Praxis zu ändern ist, und das erfordert neue Verfahren und Protokolle.
Eine sorgfältige Diagnose ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur personalisierten Medizin.

Wollen wir Fortschritte erzielen, steht die branchenübergreifende Zusammenarbeit ganz oben auf der Agenda: «Bei kardiovaskulären Erkrankungen müssen wir, genau wie in der Onkologie, präzisionsmedizinische Therapien entwickeln», erläutert Landmesser. «Diese Herangehensweise ist fortschrittlicher, weil man damit Tumore direkt untersuchen kann. In der Kardiologie fangen wir gerade erst an, diese Mechanismen aufzudecken.»
«Derzeit arbeiten wir daran, über genetische Studien Targets für eine Kausaltherapie zu identifizieren und diese dann direkt zu behandeln, um nur eine unserer faszinierenden Aufgaben zu nennen. Es ist ein spannender Wandel vom reinen Krankheitsmanagement hin zur Behandlung der zugrunde liegenden Pathologie», führt Landmesser weiter aus.
Für die multizentrische CAVS-Studie, die 2024 begann und voraussichtlich bis 2029 andauert, sollen rund 500 Patientinnen und Patienten mit leichter oder mittelschwerer kalzifizierter Aortenklappenstenose in Deutschland, den USA und weiteren Ländern rekrutiert werden.
Das Ziel ist, so viele Erkenntnisse wie möglich zu sammeln. «Der erste Schritt ist die Evidenz – klinische Studien, die einen klinisch bedeutsamen Nutzen belegen. Der zweite Schritt besteht darin, das Gesamtbild zu betrachten – nicht nur einzelne Studien, sondern die gesamte Evidenzbasis. Wir verlassen uns nur auf Ergebnisse, die durch sehr solide Evidenz abgesichert sind. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass intuitive Annahmen durch sorgfältige Forschung widerlegt werden können. Die evidenzbasierte Medizin ist unerlässlich, um die klinische Praxis voranzubringen und das Vertrauen der Patientinnen und Patienten zu gewinnen», ergänzt Landmesser.
Grundlegende Forschung
Für Landmesser ist die klinische Studie lediglich Teil eines weitaus umfassenderen Curriculums, das nicht nur kardiovaskuläre Eingriffe, Patientenbesuche und Lehraufträge im Rahmen seiner Professur umfasst. Er setzt sich auch intensiv für die Grundlagen- und die anwendungsorientierte Forschung ein.
Auf dem Campus Benjamin Franklin der Charité leitet Landmesser zudem ein Forschungslabor, das sich der genetischen und translationalen Analyse koronarer Erkrankungen widmet. Ein Team von rund einem Dutzend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern arbeitet daran, die wichtigsten Auslöser verschiedener koronarer Erkrankungen besser zu verstehen.
In einer kürzlich veröffentlichten Publikation untersuchte die Forscherin Denitsa Meteva Herzinfarkte, die durch Plaque-Erosion verursacht wurden. Dabei kommt es zu einer hochgradigen Aktivierung neutrophiler Granulozyten, einer Art Immunzellen, welche die Auskleidung der Blutgefässe schädigen und den Zustand verschlimmern, indem sie die Thrombusbildung in den Koronararterien begünstigen. In der Studie zeigte sie, dass die Blockierung eines wichtigen Aktivierungspfads dazu beitragen könnte, diesen Schaden zu verringern und zukünftige Herzinfarkte zu verhindern.
Solche Studien seien enorm wichtig, so Landmesser, der auch stellvertretender Herausgeber des European Heart Journal ist, das sich zu einer der führenden Herz-Kreislauf-Fachzeitschriften in Europa entwickelt hat.
Die Grundlagenforschung ist ein wesentlicher Bestandteil des klinischen Programms der Charité.

«Spannend finde ich, wie wir die Arbeit im Labor mit der klinischen Praxis verbinden konnten. Vor etwa 25 Jahren war es deutlich einfacher, beides zu tun, aber mittlerweile haben sich die beiden Bereiche stark voneinander entfernt. Das Verständnis beider Seiten ist jedoch die Voraussetzung für echte Fortschritte», versichert Landmesser.
Motivation durch die Patienten
Obwohl die Studie gerade erst angelaufen ist, sind Landmesser und Laguna von ihrem weitreichenden Potenzial für die Herz-Kreislauf-Medizin überzeugt.
«Die Charité blickt auf eine lange Geschichte des Paradigmenwechsels in der Medizin zurück», betont Landmesser. «Es ist motivierend, darüber nachzudenken, wie wir die Medizin der Zukunft mitgestalten können. Dieser Bezug zur Vergangenheit und der Fokus auf Innovation haben mich hierhergebracht.»
Der modernistische Look des Charité-Gebäudes in Berlin weist einige barocke Merkmale auf, wie beispielsweise die wirbelsäulenartige Struktur, die die Fassade ziert.



Für Laguna hat sich mit der Studie ein Karrieretraum erfüllt und sie ist einer der Gründe, warum er vom Hochschulbereich in die Industrie wechselte. «Als Teenager träumte ich davon, etwas zu entdecken, das sich in eine Therapie für Menschen ohne Behandlungsmöglichkeiten umsetzen lässt. Die Tätigkeit an der Hochschule war zwar ein Sprungbrett, aber erst die Arbeit in der Industrie hat es mir ermöglicht, diesem Traum näherzukommen, indem ich eine klinische Studie leite, die das Zeug hat, Millionen von Menschenleben zu beeinflussen», erklärt Laguna.
Die hohe Arbeitsbelastung hält weder Laguna noch Landmesser davon ab, in grossen Dimensionen zu denken. Im Gegenteil, beide fühlen sich zutiefst verantwortlich für die Patienten, die sie behandeln.
«Für mich ist nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Interaktion mit den Patientinnen und Patienten bereichernd», holt Landmesser aus. «Jeder Patient ist anders und hat seine eigene Geschichte. Die Perspektive des Patienten zu verstehen, verleiht der Arbeit viel Sinn. Diese Verbindung motiviert mich.»
Da kommt mir die Szene mit der aufgeregten Frau in den Sinn. Als sie und Landmesser aus dem Zimmer kamen, sah die Frau zwar noch traurig aus, wirkte aber deutlich ruhiger. Landmesser hatte es geschafft, auf ihre Ängste einzugehen, und sie musste gespürt haben, dass er und sein Team auf Hochtouren arbeiten und ihr Mann die bestmögliche Therapie erhält.
Begegnungen wie diese treiben Landmesser und mit ihm die Herz- Kreislauf-Gesundheit weltweit voran.


