James Goudreau bei seinem feierlichen Rücktritt aus der US-Marine.
Publiziert am 31/08/2020
James Goudreau, einst Captain bei der US-Marine und Mitglied im Verteidigungsministerium in der Position eines Zwei-Sterne-Marineadmirals, setzt sich seit jeher leidenschaftlich für den Umweltschutz ein. Doch im Gegensatz zu anderen Aktivisten, die für ihre Mission auf die Strasse gehen und ihre Gegner abkanzeln, hat Goudreau, Head of Climate bei Novartis, gelernt, Kritikern oder Desinteressierten zuzuhören. Die von ihm erarbeiteten Lösungen sollen Menschen dazu bringen, Veränderungen umzusetzen, die dem Umweltschutz dienen.
Heute lebt Goudreau mit seiner Familie in Newburyport im US-Bundesstaat Massachusetts. Mehr als 26 Jahre lang gehörte er der US-Marine an. Er war Offizier des Nachschubkorps und auf Schiffen sowie im Feld im Einsatz. Später leitete er das Energiekoordinationsbüro der Marine im Pentagon. In dieser Position hatte er eine Strategie zu erarbeiten und Projekte umzusetzen, um die Marine umweltfreundlicher, nachhaltiger und widerstandsfähiger zu machen.
«Gegen Ende meiner Karriere bei der Navy erhielt ich die einmalige Chance, ins Pentagon zu wechseln und dort im Stab des Chief of Naval Operations zu arbeiten. Dabei konzentrierte ich mich auf operative Energiethemen, deren Schwachstellen und Potenziale», so Goudreau über seine fünfjährige Dienstzeit in Washington.
Zunächst beschäftigte er sich schwerpunktmässig mit der strategischen Diversifizierung der Lieferkette. Sein Blickwinkel erweiterte sich jedoch immer stärker, da Energiefragen per se eng mit anderen Bereichen verknüpft sind. «Man kann nicht über Energie sprechen und dabei das Wasser ausser Acht lassen. Und man kann nicht über Wasser sprechen und dabei die Ernährung ignorieren. So stösst man also auf das Beziehungsgeflecht von Energie, Ernährung und Wasser. Jeder, der sich ernsthaft mit dieser Thematik beschäftigt, erkennt, dass das Klima erheblichen Einfluss auf das Beziehungsgeflecht von Energie, Ernährung und Wasser hat», erläutert Goudreau.
Angesichts der umfangreichen und überaus anspruchsvollen Aufgabe, den Energiekonsum der US-Marine effizienter zu gestalten, wäre es nicht verwunderlich gewesen, hätte Goudreau das Handtuch geworfen. In der US-Marine leisten mehr als 300 000 Personen aktiven Dienst. Mit rund 300 Kriegsschiffen und mehr als 3700 einsatzbereiten Flugzeugen verfügt die Navy ausserdem über die mit Abstand grösste Flotte weltweit.
Es gibt sicherlich leichtere Aufgaben, als kampferprobte Marineoffiziere davon zu überzeugen, sich mit umweltfreundlicher Energie zu befassen oder sich sogar dafür einzusetzen. So schwierig dieses Unterfangen auch war, Goudreau erinnert sich an die fünf Jahre im Pentagon als «faszinierende Zeit», in der er eine ganzheitliche Strategie für den Umgang mit den Herausforderungen des Klimawandels entwickelte.
Nachdem er sich speziell für die Marine mit diesen Problemstellungen beschäftigt hatte, wurde er gebeten, als Acting Deputy Assistant Secretary of the Navy (Energy) im Pentagon zu bleiben. Zu seinen Aufgaben zählte es, Umwelt und Energiefragestellungen für die Streitkräfte anzugehen.
Er begann, gemeinsam mit verschiedenen Denkfabriken in Washington, neue Strategien zu konzipieren, um die Umweltfreundlichkeit und Kampfbereitschaft der Truppen zu steigern. Zu seinen zahlreichen Projekten zählte eine flexible Photovoltaikdecke für Patrouillen, die herkömmliche Batterien ersetzt und mit der sich 9 bis 14 Kilogramm Gewicht einsparen lassen.
Die Kunst, das Projekt von der Idee zur Realisierung zu führen, bestand darin, genau zu wissen, was die Truppen im Einsatz brauchen. «Wenn man Marineinfanteristen sagt, sie sollen sich im Kampf umweltfreundlicher verhalten, schert sie das wenig. Ihnen ist es wichtig, lebend zurückzukommen, das ist ihre Mission. Man kann ihnen aber sagen, das neue Konzept trage dazu bei, die Marines leistungsfähiger und erfolgreicher zu machen und ihre Überlebenschancen zu steigern. Und dass es gleichzeitig der Umwelt nützt. Das kommt bei den Marines gut an.»
Die Bedürfnisse der Nutzer in den Mittelpunkt zu stellen, erwies sich als entscheidend, um Projekte voranzubringen, die sonst nie hätten umgesetzt werden können – sei es der Einbau von Hybrid-Elektroantriebstechnik in Zerstörern oder die Nutzung von mit erneuerbaren Energiequellen gespeisten Mikronetzen für die Stromversorgung militärischer Stützpunkte.
«Wir konnten diese Projekte hauptsächlich deshalb voranbringen, weil wir die Herausforderungen im Hinblick auf Energie und Klimawandel aus einer ganzheitlichen Perspektive betrachteten und sie als Systemfrage mit vielen Wechselwirkungen verstanden», so Goudreau. «Wir konzentrierten uns darauf, den Klimawandel als Bedrohungsmultiplikator zu begreifen und dessen Auswirkungen auf das Beziehungsgeflecht von Energie, Ernährung und Wasser zu analysieren. Im nächsten Schritt versuchten wir zu verstehen, was die Nutzer eigentlich benötigten.»
Goudreau ist davon überzeugt, dass das die richtige Strategie für die Zukunft ist, denn angesichts der rapiden Zunahme des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre, die bereits irreversible Schäden verursacht hat, bleibt der Welt nicht mehr viel Zeit, gegen die Folgen des Klimawandels anzukämpfen.
«Tatsache ist, dass 350 ppm CO₂ als gerade noch unbedenklicher bzw. erträglicher Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre gelten», so Goudreau. «Im Mai 2020 sind wir schon bei über 418 ppm, also weit über dem Grenzwert. Das bedeutet, dass der Wandel über Jahrzehnte hinweg andauern wird, allein durch das Kohlendioxid, das bereits in der Atmosphäre ist.»
Schnelles Handeln ist gefragt. «Die verantwortlichen Organisationen und Unternehmen müssen weiter alles daran setzen, ihre Kohlendioxidemissionen zu senken. Gleichzeitig müssen sie Wege finden, wie sie mit der neuen Situation klarkommen. Bereitet man sich nicht aktiv auf den Wandel vor, wird man irgendwann auf sehr unangenehme Weise von ihm eingeholt. Es ist entscheidend, dass man langfristig denkt.»







