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Portraitaufnahme von Katalin Kariko.

Travels in medicine
Eine unerwartete Nobelpreisträgerin.

Das Leben einer modernen Stoikerin

Mit dem Nobelpreis für Medizin 2023 erhielt Katalin Kariko die höchste akademische Auszeichnung. Was sie aber als Mensch und Wissenschaftlerin auszeichnet, ist ihr unerschütterlicher Glaube an harte Arbeit, die Bedeutung des Selbstvertrauens und die Fähigkeit, Enttäuschungen in Dankbarkeit zu verwandeln.

Text von Goran Mijuk, Fotos von Adriano A. Biondo.

Es war fast 10 Uhr abends, als Katalin Kariko und ihr Mann ein Taxi vom Novartis Campus in Basel zurück zum Hotel nahmen. Ein langer Tag voller lebhafter Diskussionen mit Diplomaten, Wissenschaftlern, Managern und Studierenden war zu Ende gegangen, einschliesslich eines stundenlangen Vortrags vor dem Publikum im voll besetzten, 600 Plätze fassenden Auditorium des Gehry-Baus, in dem Kariko über ihre wissenschaftliche Laufbahn berichtete.

Es war eine aussergewöhnliche Geschichte, die Kariko zu erzählen hatte, mit all ihren heftigen Rückschlägen und grossen Erfolgen, die 2023 in der Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Medizin gipfelte. Diesen erhielt sie für ihre Forschungsarbeit auf dem Gebiet der mRNA-Technologie, die zur Entwicklung neuartiger Impfstoffe führte und die Welt aus den Fesseln der Covidpandemie befreite. Mehr noch als die Achterbahnfahrt ihrer beruflichen Laufbahn beeindruckten ihre Bescheidenheit und erfrischende Direktheit, die sich aus ihrer ungebrochenen Faszination für die Arbeit im Labor speist.

Das Publikum hörte gebannt zu. Die Gäste – jung und alt – lauschten den Worten einer der bedeutendsten Wissenschaftlerinnen der Gegenwart, deren Entdeckungen dazu beigetragen haben, Millionen von Menschenleben zu retten und den Weg für neuartige Therapien zu ebnen, welche die medizinische Praxis bei Krebsleiden, kardiovaskulären Erkrankungen und vielen weiteren Krankheiten verändern könnten. Viele Gäste standen nach dem Vortrag in einer langen Schlange für ein kurzes Gespräch und das obligatorische Selfie an. Sie wussten instinktiv, dass Kariko über wichtige Erkenntnisse für eine lange, glückliche Karriere verfügte, denn ihre Geschichte enthielt das Geheimnis, wie man Not in Dankbarkeit verwandelt.

Bescheidenheit und harte Arbeit

Als ich Katalin Kariko an jenem Freitagnachmittag im Sommer 2024 zu einem Podcast-Interview treffen konnte, war ich überrascht, eine Frau Ende sechzig zu treffen, die sich trotz ihres Weltruhms ihr kindliches Staunen über die Welt bewahrt hat. Als sie über die Wissenschaft und die vielen unbeantworteten Fragen in ihrem Fachgebiet sprach, leuchteten ihre Augen. Ihre Stimme erhob sich zu einem beinahe singenden Ton, so als würde sie in Erwartung dessen, was sie noch entdecken könnte, nach Luft schnappen.

Alles begann in einem unscheinbaren Dorf im ländlichen Ungarn, wo sie 1955 geboren wurde. Gemeinsam mit ihrer Schwester streifte sie als Kind durch die flachen Ebenen rund um ihren Heimatort und liess sich von der Schönheit der Natur verzaubern. Ein Samenkorn einzupflanzen und wachsen zu sehen, war für sie pure Magie. Ihr Vater, ein Metzger, erzählte ihr oft, wie sie als kleines Kind versuchte herauszufinden, warum sich das Tier, das er gerade geschlachtet hatte, nicht mehr bewegte. Sie hatte wie erstarrt dagestanden und über das Leben und den Tod nachgedacht, völlig in diese Erfahrung versunken.

Katalin Kariko wuchs während der kommunistischen Ära im ländlichen Ungarn auf.

Menschen in Ungarn während der kommunistischen Ära.

Diese frühen Tage sollten sich als prägend erweisen. In der Schule glänzte sie in Mathematik, Physik und Biologie und gewann sogar einen renommierten nationalen Preis, der sie dazu motivierte, ein Universitätsstudium zu beginnen und eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Doch bereits in diesen frühen akademischen Tagen stiess sie auf eine erste grosse Hürde.

Einer ihrer Dozenten erwies sich als hinderliche Schranke. Obwohl Kaliko gute Noten hatte, drohte der Dozent, ihr den Weg zur Universität zu versperren, und er gab ihr zu verstehen, er habe gute Kontakte zur Regierung. Schliesslich war es das kommunistische Ungarn, wo Karrieren durch Vetternwirtschaft gemacht oder eben auch verhindert wurden. Doch Kariko gab nicht nach. Mit solch emotional schwierigen Situationen hatte sie sich bereits durch die Beschäftigung mit den Publikationen des berühmten ungarischen Intellektuellen Hans Selye vertraut gemacht, der als Erster wissenschaftliche Arbeiten über Stress geschrieben hatte – ein Begriff, der bislang nur in der Physik verwendet worden war. Im Rahmen ihres Studiums hatte sie einen Brief an Selye geschrieben und zu ihrer Überraschung eine Antwort erhalten – eine Erfahrung, die sie dazu inspirierte, während ihres gesamten Berufslebens eng mit Studierenden zusammenzuarbeiten.

Hans Selye hatte großen Einfluss auf Kariko.

Portrait von Dr. Hans Selye im Jahr 1977.

«Dank Hans Selye, der das Wort ‹Stress› geprägt hat, habe ich gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen», sagte sie. «Später lernte ich, dass dies die Prinzipien der Stoiker waren: Man sollte sich nur auf Dinge konzentrieren, die man beeinflussen kann, und keine Energie für Dinge verschwenden, über die man keine Kontrolle hat.» So konnte sie mit den Drohungen des Dozenten erfolgreich umgehen. «Die Herausforderung zwang mich zu Höchstleistungen, ich musste einfach die Beste sein. Mit der Zeit wurde mir klar, dass mich sein Widerstand stärker und widerstandsfähiger machte und mich lehrte, mich nur auf das zu konzentrieren, was ich kontrollieren kann – meine eigenen Anstrengungen und Leistungen.»

Die Bedeutung des Selbstvertrauens

Diese mentale Eigenschaft sollte Kaliko im Laufe ihrer Karriere helfen, denn sie hatte offenbar mit mehr Hindernissen zu kämpfen als viele ihrer Kollegen. Kurz nach dem Fall des Kommunismus in Ungarn wurde das Labor geschlossen, in dem sie begonnen hatte, an der RNA-Technologie zu arbeiten. Sie war gezwungen, das Land zu verlassen und in den USA eine Stelle zu suchen. Dort hatte sie während ihrer akademischen Laufbahn jedoch nur wenig Glück. Ein Kollege drohte ihr, sie aus den USA ausweisen zu lassen. An der University of Pennsylvania, wo sie über 20 Jahre gearbeitet hatte, wurde sie kurzerhand entlassen. Diese Erfahrungen machten sie nach eigenem Bekunden stärker. Möglicherweisen haben sie dazu beigetragen, dass sie zielstrebig an der Perfektionierung der RNA-Technologie weiterarbeitete.

Als ich Kariko fragte, wie sie solche Schicksalsschläge verkraftet habe, betonte sie, wie wichtig Selbstvertrauen sei: «Es ist für jeden wichtig, an sich selbst zu glauben. Stellen Sie sich vor, Sie wachsen in bescheidenen Verhältnissen in einem Dorf mit unbefestigten Strassen auf, bekommen kaum je ein Auto zu Gesicht und finden sich dann Jahre später an einer Eliteuniversität wieder. Trotz meiner bescheidenen Anfänge und mangelhafter Englischkenntnisse scheute ich keine Herausforderung und wagte anders als viele andere, über den Tellerrand hinaus zu denken.»

Portraitaufnahme von Katalin Kariko.

Harte Arbeit sei unabdingbar, fährt Kariko fort. Und man solle sich auch nicht allzu sehr um Beförderungen oder Auszeichnungen kümmern. «Einen Nobelpreis anzustreben, hat keinen Sinn, weil er von Entscheidungen abhängt, die man nicht beeinflussen kann. Stattdessen habe ich mich immer darauf konzentriert, wissenschaftliche Fragestellungen zu verstehen, ein endloses Rätsel, das es immer zu lösen gilt. Diese Denkweise hilft, Enttäuschungen zu vermeiden, weil man nicht auf Bestätigung von aussen angewiesen ist, sondern von Neugier und der Suche nach Problemlösungen angetrieben wird.»

Der Geist eines Wissenschaftlers sollte sich laut Kariko ausschliesslich auf die Wissenschaft konzentrieren. «Meiner Erfahrung nach ergibt sich die wahre Freude an der Wissenschaft aus dem direkten Prozess des Experimentierens und des Lösens von Problemen», ist Kariko überzeugt. «Ich habe unzählige Stunden am Labortisch verbracht, mich technischen Herausforderungen gestellt und die Vorfreude genossen, etwas Neues zum ersten Mal zu verstehen. Während einige meiner Kollegen aufgrund ihrer administrativen Fähigkeiten oder ihrer Fähigkeiten, Stipendien zu erhalten, befördert wurden, konzentrierte ich mich auf die eigentliche Wissenschaft … Das ist meine Philosophie: Beschäftige dich mit den Kernfragen der wissenschaftlichen Arbeit. Die Genugtuung, eigenständig Neues zu entdecken, ein komplexes Konzept zu verstehen und der Welt neues Wissen zu vermitteln – darin liegt die Erfüllung, die man beim wissenschaftlichen Arbeiten erfährt.»

RNA-Forschung

Karikos Interesse für die RNA-Forschung erwachte früh. Bereits 1978 wurde Kariko im Alter von 23 Jahren von ihrem Doktorvater damit beauftragt, ein Screening-Labor einzurichten. «Wir müssen etwas Sinnvolles machen», sagte er: «Katia, Sie müssen ein Virenscreening-Labor aufbauen.» Sie stimmte zu, und so begann dieses Grossprojekt.

Es war ein heißer Nachmittag im Jahr 2024, als wir Katalin Karikó im Live-Magazin-Studio in Forum 1 trafen. Nach einer ausgiebigen Tour über den Campus gönnten wir ihr eine Pause bei einer Tasse Kaffee, bevor wir mit unserem einstündigen Interview begannen.

Portraitaufnahme von Katalin Kariko.

In den 1980er-Jahren lag die RNA-Technologie im Trend, und man experimentierte mit Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten und Krebserkrankungen. Trotz dieser vielversprechenden Entwicklungen hatten viele Wissenschaftler, die an mRNA-Impfstoffen gearbeitet hatten, in den 1990er-Jahren Schwierigkeiten, Finanzmittel zu erhalten. Zu jener Zeit wandte sich die wissenschaftliche Forschung dem Schwerpunkt Gentechnologie zu. Kariko konzentrierte sich derweil unverdrossen auf ihr Fachgebiet. «Ich argumentierte, dass mRNA für die kurzzeitige Proteinsynthese zur Linderung von Symptomen entscheidend sein könnte. Diesem Gedanken wurde anfangs wenig Beachtung geschenkt. Dennoch setzte ich meine Forschungsarbeit fort, die zu Innovationen in der mRNA-Modifikation und -Reinigung führte. Dadurch liessen sich ihre Stabilität und Wirksamkeit bei der Proteinproduktion steigern, ohne Immunreaktionen auszulösen.»

Ihre Zusammenarbeit mit dem Immunologen Drew Weissman, der zusammen mit Kariko den Nobelpreis erhielt, trug entscheidend dazu bei, die Grundlagen für die praktische Anwendung der Technologie zu legen. Die beiden machten eine bahnbrechende Entdeckung, die den Einsatz von mRNA in der Medizin revolutionierte, indem sie die inhärenten Entzündungsreaktionen bekämpften. Kariko und Weissman entdeckten nämlich, dass das Modifizieren von Nukleosiden – den aus einem Zucker und einer Base bestehenden Bausteinen der RNA – innerhalb der mRNA-Struktur die Immunogenität der mRNA signifikant verringern und so verhindern kann, dass sie schädliche Entzündungsreaktionen auslöst, wenn sie in den Körper gelangt.

Die gemeinsame Forschung konzentrierte sich darauf, die mRNA zu isolieren und so zu modifizieren, dass sie das natürliche Verhalten der zellulären RNA nachahmt, die keine Entzündungen auslöst. Diese wichtigen Erkenntnisse ermöglichten den sicheren und effektiven Einsatz der mRNA-Technologie bei der Entwicklung von Impfstoffen, auch gegen COVID-19. Der Rest ist Geschichte …

Die Alchemie der Dankbarkeit

Manchmal scheint sich Kariko gar nicht bewusst zu sein, wie viele Auszeichnungen sie bereits erhalten hat. Doch obwohl sie stolz auf ihre akademischen Preise ist, die sie zu Hause in mehreren eigens für diesen Zweck angefertigten Schränken aufbewahrt, ist sie fest davon überzeugt, dass junge, angehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich nicht auf Beförderungen und Preise konzentrieren sollten, sondern auf die Wissenschaft selbst. Ausserdem rät sie, stets einen Plan zu verfolgen und aktiv zu bleiben, so wie ihre 99-jährige ehemalige Lehrerin, die ihr kürzlich sagte: «Ja, Kati, ich muss noch weiterleben. Ich muss diese Aufgabe erledigen … Ich muss alle Fotoalben neu sortieren!»

Dank dieser Einstellung überwand Kariko auch einen der dunkelsten Momente ihrer Karriere, als sie sich fragte, wie es weitergehen sollte. «Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich die University of Pennsylvania nach 24 Jahren verliess», erzählt Kariko. «Es gab keine Abschiedsfeier, keine Verabschiedung, nur einen einsamen Gang zu meinem Auto auf dem Parkplatz, während ich darüber nachdachte, was als Nächstes kommen könnte. Derartige Schlusspunkte waren zum roten Faden in meiner Karriere geworden. Nach der Entlassung in Ungarn bis zur Zwangsversetzung in den Ruhestand markierte jeder Abschied einen bedeutenden Wendepunkt. Doch es war entscheidend, nicht über das Warum oder die Ungerechtigkeit des Ganzen nachzudenken – solche Gedanken vergiften nur den Geist.»

Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Zukunft. Nachdem sie die University of Pennsylvania verlassen hatte, wechselte sie zu BioNTech, einem Unternehmen, das damals noch nicht einmal eine eigene Website hatte. Von seiner Existenz hatte sie durch einen Kollegen erfahren, der auch mit beruflichen Rückschlägen zu kämpfen hatte. Dieser Neubeginn bot ihr die Gelegenheit, ihre Energie neu auszurichten und weiterhin ihren Beitrag zur wissenschaftlichen Arbeit zu leisten – ganz im Sinne von Hans Selyes Rat gegen Vergeltung. «Er lehrte mich, dass der beste Weg, Wut zu verarbeiten, Dankbarkeit ist, auch jenen gegenüber, die uns Unrecht getan haben», sagte sie.

«Er lehrte mich, dass der beste Weg, Wut zu verarbeiten, Dankbarkeit ist, auch jenen gegenüber, die uns Unrecht getan haben.»

Katalin Kariko

Portraitaufnahme von Katalin Kariko.

Diese Philosophie erwies sich selbst dann als wirksam, als sie auf den Professor traf, der ihr einst mit der Ausweisung aus den USA gedroht hatte. «In einem Vortrag dankte ich ihm für seinen Einfluss auf meine Karriere, wobei ich die positiven Aspekte hervorhob, ohne auf die damaligen Kränkungen einzugehen. So wie viele andere Menschen erinnerte er sich nicht an das Negative. Es ist sinnlos, im Groll zu verharren. Loszulassen und sich auf die Dankbarkeit zu konzentrieren, macht nicht nur frei, sondern ermöglicht auch ein viel glücklicheres Leben. Diese einfache Wahrheit ist ein Leitsatz, der mich beim Umgang mit persönlichen und beruflichen Herausforderungen immer begleitet hat.»

Diese stoische Weisheit wiegt womöglich stärker als der Nobelpreis.